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Gemma Bovery
Interview Anne Fontaine
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Gemma Bovery - Interview mit Fabrice Luchini


© Prokino

Fabrice Luchini kam am 1. November 1951 in Paris als Sohn eines italienischen Einwanderers zur Welt. Schon als Kind half er seinen Eltern in ihrem Geschäft, einem Obst- und Gemüseladen im nördlichen Pariser Stadtviertel La Goutte-d’Or. Obwohl er lieber auf der Straße spielte, als zur Schule zu gehen, begeisterte er sich schon früh für die ganz Großen der französischen Literatur, darunter Honoré de Balzac, Gustave Flaubert und Marcel Proust.

Als er 13 war, besorgte ihm seine Mutter eine Lehrstelle in einem vornehmen Friseursalon an der Avenue Matignon. Seine Freizeit verbrachte der Soul-Liebhaber am liebsten in den Diskotheken der Hauptstadt, wo er schließlich vom Regisseur Philippe Labro entdeckt wurde, der ihm 1969 in dem Film Tout peut arriver seine erste Rolle gab. 1970 folgte Claires Knie von Eric Rohmer, dessen Lieblingsschauspieler er werden sollte.

Parallel zu seinen ersten Schritten vor der Filmkamera nahm Luchini beim legendären Jean-Laurent Cochet Schauspielunterricht und entdeckte so auch das Bühnenrepertoire, das zu seiner großen Leidenschaft werden sollte. Aber zunächst übernahm Luchini in den folgenden Jahren relativ wahllos Engagements unter Regiegrößen wie Rohmer und Chabrol, spielte in Publikumskomödien wie P.R.O.F.S. ...und die Penne steht Kopf und Softpornos à la Emmanuelle IV, drehte aber auch mit dem japanischen Filmkünstler Nagisa Oshima (Max mon Amour, 1986) oder Krimiserien wie Série noire (1988).

Seinen Durchbruch feierte er 1990 mit der Liebesgeschichte Die Verschwiegene von Christian Vincent. Anschließend drehte er fast ausnahmslos nur noch mit den namhaftesten Filmemachern seiner Heimat, von Cédric Klapisch bis Édouard Molinaro, von Claude Lelouch bis Patrice Leconte, spielte an der Seite der größten weiblichen Filmstars wie Nathalie Baye, Sandrine Bonnaire und Catherine Deneuve.

Schon bald war Luchini aus der französischen Filmlandschaft nicht mehr wegzudenken, blieb aber auch dem Theater treu und machte sich einen Namen als Verfechter von Jean la Fontaine, Louis-Ferdinand Céline und Roland Barthes, deren Texte er einem großen Publikum nahebrachte.

In der Kinosaison 2010/11 triumphierte er mit zwei überragenden Publikumserfolgen: François Ozons Das Schmuckstück und Nur für Personal!, die zusammen allein in Frankreich fünf Millionen Zuschauer anlockten. In 45 Jahren Karriere wurde Fabrice Luchini sage und schreibe neun Mal für einen César nominiert und gewann den begehrten Filmpreis 1994 als Bester Darsteller in einer Nebenrolle mit Alles für die Liebe von Regielegende Claude Lelouch.

Dies ist Ihr zweiter Film unter der Regie von Anne Fontaine...

Ja, und jedes Mal setzt sie mir eine hinreißende Kreatur vor die Nase: Louise Bourgoin in Das Mädchen aus Monaco und jetzt die grandiose Gemma Arterton in diesem Film. Anne ist eine sehr originelle Filmemacherin, gesellschaftliches Pathos liegt ihr fern. Für mich ist Gemma Bovery eindeutig ihr bislang bester Film, denn am Set war sie ganz ungezwungen und ließ zu, dass sie längst nicht alles kontrolliert.

Ihre erste Reaktion nach der Lektüre des Drehbuchs?

Ich fand, dass es sich um eine ausgefallene Geschichte handelt, und das gefiel mir sehr. Es geht nämlich nicht darum, Flauberts „Madame Bovary“ noch einmal zu erzählen, sondern zwischen Roman und zeitgenössischer Fiktion hin und her zu springen, man könnte auch sagen: Flaubert hineinzuschmuggeln, wie es mit Molière in meinem Film Molière auf dem Fahrrad geschehen ist. Für mich ist das der beste Ansatz: Man sucht sich alte Texte und lässt sie in neuem Gewand wiederaufleben. Anne Fontaine (und zuvor natürlich schon Posy Simmonds mit ihrem Bilderroman) hatte die geniale Idee, sich Flaubert seitwärts anzunähern, nicht frontal. Was sie macht, ist das genaue Gegenteil von Claude Chabrols Adaption.

Diesmal wähnt man sich mitunter sogar in einer Krimihandlung...

Ganz genau. Der Zuschauer wird dazu eingeladen, Ermittlungen in Sachen Schönheit, Kraft und Flaubert’schem Geist zu folgen. Was das Drehbuch in meinen Augen vor allem auszeichnet, ist die Tatsache, dass die Figur, die ich spiele, buchstäblich dabei zuschaut, wie sich der Roman vor seinen Augen entwickelt, und dabei befinden wir uns nicht einmal in einer herkömmlichen Verfilmung.

Diese sagenhafte Sinnlichkeit, die der Film verströmt, nimmt einen so gefangen, dass man gar nicht erst nach Referenzen zum Roman von Flaubert sucht. Man steckt sofort mittendrin in Flaubert.

Martin, Ihre Filmfigur, wird selbst zu einer literarischen Figur.

Und indem das passiert, öffnet er den Menschen um ihn herum die Augen dafür, wer sie selbst sind. Insofern habe ich manchmal den Eindruck, als wäre dieser Film irgendwie über uns alle hinausgewachsen, selbst über Anne Fontaine.

Kannten Sie den Comic von Posy Simmonds?

Nein, ich las ihn erst nach dem Drehbuch, fand ihn aber auch sehr originell. In Sachen Comics kenne ich mich allerdings nicht gut genug aus, um das wirklich beurteilen zu können.

Die erste Szene, in der Gemma in Ihre Bäckerei kommt und es gar nicht fassen kann, wie viele verschiedene Sorten Brot es gibt, ist unglaublich.

Stimmt, es hat den Anschein, als würden Martins Brote sie in Ekstase versetzen, sie hat quasi einen Orgasmus! Das macht diese Szene so unvergleichlich gut. In der Sekunde, in der sie die Bäckerei betritt, befinden wir uns an einem anderen Ort. »Was ist Schönheit?«, hat Stendhal einmal gefragt. »Ein Glücksversprechen«, lautete seine Antwort. Diese junge Frau, die einfach nur eine Bäckerei betritt, ist ein absolutes Glücksversprechen.

Martin verliebt sich dann ja auch Hals über Kopf in sie.

Ja, und später laufen sie sich auf dem Land über den Weg, da pflückt sie gerade Blumen, sie wechseln ein paar unglaublich banale Worte, sie winkt ihm zum Abschied mit der Hand zu, und man merkt sofort, dass sie kein sonderliches Interesse an Martin hat. Doch Anne Fontaine und ihr Drehbuchautor Pascal Bonitzer hatten die schöne Idee, Martin in dieser Sekunde denken zu lassen: Und mit dieser unbedeutenden Geste waren zehn Jahre sexueller Beschaulichkeit mit einem Schlag vorbei.

Was die Szene, in der er ihr zeigt, wie man Brotteig knetet, nur unterstreicht...

Ja, das ist eine echt heiße Szene von großer Sinnlichkeit.

Beim Teigkneten findet er wieder Geschmack an der Poesie. „Brot“, sagt er, „ist die Kruste des Lebens.“

Ja, zwischen der Herstellung von Brot und der Sinnlichkeit gibt es zum Glück bemerkenswerte Parallelen. Und mit dem Licht in seinen Bildern gelingt es Christophe Beaucarne noch, diese Alchemie zu unterstreichen.

In welcher Verfassung befinden Sie sich, wenn Sie drehen?

Ich nehme für mich eine Art Stumpfsinn in Anspruch, denn ich bin der Meinung, dass es keine gute Idee ist, sich einzubilden, dass man eine Rolle von vornherein hundertprozentig beherrscht. Je mehr man sich gehen lässt, desto formbarer ist man. Im Grunde sind wir wie Brotteig in den Händen eines Regisseurs. Es ist das Gegenteil von der Arbeit am Theater. Beim Film braucht es eine gewisse selige Idiotie – das macht es interessanter.

Trotzdem haben Sie sich doch mit Sicherheit auf die Rolle des Martin vorbereitet, oder?

Anne Fontaine wollte, dass ich ein Praktikum in einer Bäckerei mache, und ich dachte nur: Sind wir hier bei Stanislawski, oder was? Da wird sie sich wohl einen anderen Schauspieler suchen müssen, denn ich werde bestimmt nicht zwei Wochen lang einem Typen dabei zusehen, wie er Brot herstellt! Anne hat sich schließlich meiner Meinung angeschlossen.

Ein großer Pferdekenner, mit dem ich beim Dreh von Eric Rohmers Perceval le Gallois zu tun hatte, sagte mir eines Tages: »Was Pferde auszeichnet, ist die Fähigkeit, in der Sekunde, in der jemand aufsteigt, zu spüren, ob es sich um einen guten Reiter handelt oder nicht. Wenn es sich um einen schlechten Reiter handelt, beschließen sie sofort, zu welchem Zeitpunkt sie ihn abwerfen werden. Nur Gérard Philipe war ein so außergewöhnlich guter Schauspieler, dass es ihm gelang, Pferde glauben zu machen, er wäre ein guter Reiter.« Ohne mich mit Gérard Philipe vergleichen zu wollen, würde ich behaupten, dass ich alle glauben ließ, ich wäre ein guter Bäcker.

Gemma Arterton besitzt in der Rolle der Gemma eine große Strahlkraft.

Ja, sie ist hinreißend, eine außergewöhnliche Schauspielerin. Sie besitzt diese Perfektion und dieses Genie, die für britische Schauspielerin typisch sind. Wir haben uns zwei Monate lang nicht besonders viel unterhalten, aber sie hat trotzdem genau begriffen, wie ich funktioniere. Sobald wir das Wörtchen Action! hörten, verstanden, mochten und respektierten wir uns auf unbewusste Weise.

Erzählen Sie ein wenig von den Dreharbeiten.

Das war eine unglaublich schöne Zeit. Ich ging stundenlang in der Landschaft spazieren (wie die Helden von Flaubert oder wie Martin im Film), bevor ich vor die Kamera treten musste. Und wenn ich dann ans Set kam, hatte ich nicht den Eindruck, dass ich spielen musste, sondern als dürfte ich meine Leidenschaft für Flaubert weitergeben.

Gustave Flaubert hat gern und häufig die Bourgeoisie verspottet, doch in „Gemma Bovery“ sind diejenigen, die aufs Korn genommen werden, wohlhabende Briten, die sich in die Normandie abgesetzt haben.

Stimmt, wir zeigen mit dem Finger auf diese Briten (Elsa Zylbersteins Filmfigur ist durch und durch eine Karikatur, aber wie sie das spielt, ist einfach großartig, und das Gleiche gilt für Pip Torrens, der ihren Gatten darstellt), aber das war natürlich schon in Posy Simmonds' Comic so angelegt. Um auf Flaubert und seine Vision der Bourgeoisie zurückzukommen: Ich möchte behaupten, dass er sich damit begnügt hat, schlicht das zu schildern, was er mit seinen eigenen Augen sah. Und er war fasziniert von der Dummheit.

Was Flaubert tatsächlich dachte, wissen wir allerdings natürlich nicht, und insofern war er ein einzigartiger Schriftsteller: Er war davon besessen, nicht zu „schreiben“. In seiner Korrespondenz wiederholte er es immer und immer wieder: „Ich darf nicht schreiben. Ich muss mich meinem Werk hingeben, so wie Gott sich der Schöpfung hingab, jederzeit präsent, aber nirgendwo zu sehen.“ Die ganz großen Stilisten haben eine Gemeinsamkeit: Es gelingt ihnen, das Private zu überwinden. Proust ist deshalb genial, weil er nicht von seiner Kindheit spricht, sondern von Kindheit an sich. Céline ist deshalb genial, weil er nicht sein Elend zum Thema macht, sondern das Elend. Wenn es allzu privat wird, ist das Ergebnis häufig würdelos.

Wird es Gemma Bovery gelingen, das große Publikum wieder mit Flaubert vertraut zu machen?

Wofür steht „Madame Bovary“ heute eigentlich noch? Kopfzerbrechen für jene Schüler, die den Roman im Rahmen ihrer Abiturvorbereitungen lesen müssen! Aber vielleicht gelingt es Gemma Bovery ja, dass sie erkennen, was für eine wahnsinnige, libidinöse Kraft darin steckt, die sich an der Wirklichkeit reibt. Und dann ändern sie womöglich ihre Meinung über den Autor. ■ mz | Quelle: Prokino

27. September 2014
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OT: Gemma Bovery
Drama/Komödie
F 2014
99 min


mit

Fabrice Luchini (Martin Joubert) Stephan Schwartz
Gemma Arterton (Gemma Bovery) Annina Braunmiller
Jason Flemyng (Charlie Bovery) Thomas Loibl
Isabelle Candelier (Valérie Joubert) Elisabeth von Koch
Niels Schneider (Hervé de Bressigny) Max Felder
Edith Scob (Madame de Bressigny) Heidi Treutler
Mel Raido (Patrick) Jakob Riedl
Elsa Zylberstein (Wizzy) Claudia Lössl
Pip Torrens (Rankin) David Williamson
Kacey Mottet Klein (Julien Joubert) Karim El-Kammouchi
u.a.

drehbuch
Pascal Bonitzer
Anne Fontaine
nach dem Bilderroman von Posy Simmonds

musik
Bruno Coulais

kamera
Christophe Beaucarne

regie
Anne Fontaine

produktion
Albertine Productions
Ciné@
Gaumont
Cinéfrance 1888
France 2 Cinéma
Canal+
France Télévisions
Orange Cinéma Séries
Ruby Films
BFI

verleih
Prokino

Kinostart: 18. September 2014

27. September 2014