Dienstag, 17. Oktober 2017
David Lynch: The Art Life
Der Künstler David Lynch in seinem Atelier
© NFP

Viele kennen ihn durch seine atmosphärisch düsteren und rästselhaften Kultfilme von Eraserhead über Dune - Der Wüstenplanet, Blue Velvet, Wild at Heart, Lost Highway, Mulholland Drive und Inland Empire bis hin zu seiner geheimnisvollen Krimi-Fantasy-Seifenoper Twin Peaks, die derzeit ihr fulminantes Wiederauftauchen feiert. Doch nur die eingefleischten Fans wissen, dass David Lynch auch ohne bewegte Bilder Kunst fertigt.

»For Lula Boginia Lynch«

Wie der Filmtitel offenbart, geht es in dem Dokumentarfilm von Jon Nguyen, Rick Barnes und Olivia Neergaard-Holm um sein Kunstschaffen jenseits des Films. Der Film ist eine persönliche Reise zu den künstlerischen Wurzeln und prägenden Phasen des jungen David Lynch – eine Reise durch idyllische Kindheitsjahre in einer amerikanischen Kleinstadt in die düsteren Straßen von Philadelphia. Auf dieser Reise beschreibt er einzelne Stationen seines Lebens, die maßgeblich zu seiner Entwicklung zu einem der rätselhaftesten Regisseure des zeitgenössischen Kinos beigetragen haben.

Hoch oben in den Hollywood Hills gewährt David Lynch einen Einblick in seine Residenz, sein Atelier und die Geschichten der Vergangenheit. Rätselhafte Gestalten tauchen auf, verschwinden und werden Teil seiner künstlerischen Arbeit. Gleich zu Beginn des Films versuchen die Filmemacher (oder hat da Herr Lynch ein paar Tipps gegeben, ihn ins rechte Licht zu setzen?), das Mysterium des Regisseurs auf dessen private Welt zu übertragen, indem sie ihn vor ein Mikrofon setzen, über dem eine rote Lampe an der Wand leuchtet.

David Lynch spricht offen über Ängste, Missverständnisse, Kämpfe, die er durchlebt und überwunden hat, über die Dämonen seiner Kindheit sowie die zahlreichen Menschen, die ihn geprägt haben, so z.B. ein schauriges Erlebnis, das ihn offenbar später für eine Szene in Blue Velvet inspirierte: »Aus der Dunkelheit kommt dieser irgendwie merkwürdigste Traum, denn ich hatte noch nie eine erwachsene Frau nackt gesehen. Ihr Mund erschien blutig und sie kam irgendwie merkwürdig über die Shoshoni Avenue herüber. Es schien, als wäre sie ein Riese. Und sie kam näher und näher, und mein Bruder fing zu weinen an. Irgendetwas an ihr war arg daneben. Und ich weiß nicht, was passiert ist, aber ich denke, sie setzte sich auf die Bordsteinkante und weinte.«

»You could live in one place and have everything.«

Schon sehr früh sah er die Welt mit anderen Augen, kam durch die Arbeit seines Vaters als Agrarwissenschaftler mit der organischen Welt in Berührung. Er interessierte sich für den Verfall, für die Anatomie von Kleintieren und Insekten, für Abgründe und Träume. Diese Welt prägte den jungen David Lynch und spiegelt sich auch immer wieder in seiner späteren Arbeit wider. Er sucht die Schatten und schafft daraus eine traumähnliche Verworrenheit, mit der er den Zuschauer fesselt und in seinen rätselhaften Bann zieht.

Mit 14 Jahren wurde die Malerei mehr als ein Hobby für ihn. Er mietete sein erstes Studio an und entschloss sich, 1964 an der privaten Kunsthochschule des Museums der schönen Künste in Boston zu studieren, brach jedoch bereits nach dem ersten Studienjahr wieder ab. Nach der Rückkehr von seiner Europareise mit seinem Freund Jack Fisk begann David ein Studium an der Akademie der schönen Künste in Pennsylvania mit dem Schwerpunkt Malerei, Skulptur und Fotografie.

Hier entstanden erste düstere Zeichnungen und Gemälde. Als er eines Tages eine Figur auf einem seiner Bilder betrachtete, vernahm er plötzlich einen leisen Windzug und sah eine kleine Bewegung darin, und in ihm wuchs der Wunsch, dass sich das Bild wirklich bewegen könnte. So entstanden in den Jahren 1967 und 1968 seine ersten Filmversuche, und nach dem Festival-Erfolg seines Kurzfilmes The Grandmother erhielt er 1970 ein Stipendium des renommierten American Film Institute (AFI). Er zog nach Los Angeles, wo er in Ställen weitere Filmversuche startete. Dort entstand 1977 auch sein erster Spielfilm Eraserhead, der zu einem Kultklassiker wurde. Und wer genau hinschaut, kann auch einen gewissen, zum Kult gewordenen, wellenförmigen Zick-Zack-Fußbodenbelag erkennen.

»All I ever wanted to do is paint.«

Seine Kunstwerke sind meist ebenso rätselhaft und skurril wie seine filmischen Arbeiten. Er arbeitet großflächig und vereint verschiedenste Materialien, Texturen und Techniken. Er trägt Farbe direkt mit der Hand auf, bindet Collage-Elemente ein, schreibt manchmal direkt ins Gemälde. Die Flächigkeit seiner Gemälde, die durch die vorherrschende Farblosigkeit zustande kommt, lässt das Auge an der pastosen Oberfläche hängenbleiben, so entsteht eine paradoxe Gleichzeitigkeit von Fläche und Tiefe.

Deformierte Figuren, Bäume, Häuser – das Heimisch-Vertraute wird aufgelöst. Sie stehen in scheinbar entrückter Umgebung, nichts Einladendes mutet ihnen mehr an. Seine Gemälde und Zeichnungen sind roh, archaisch, beängstigend. Grob gezeichnete Figuren in grau-schwarzen Farbtönen mit verzerrten Gesichtern sind zu sehen, übergroße Insekten, verstümmelte Körperteile. David Lynch sagt selbst über seine Bilder: »Sie sind auf eine gute Art schlecht. Ich liebe schlechte Gemälde. Gemälde müssen wunderschön und gleichzeitig schlecht sein. So wie Frauen auch.«

David Lynch erzählt Geschichten aus seinem Leben, seiner Kindheit, seinem Verhältnis zu seinen Eltern, seinem späteren Mitbewohner und Förderer, über seinen ersten Joint, sein Besuch eines Bob-Dylan-Konzerts...und das alles in der bekannten Langsamkeit des Künstlers inszeniert - an verschiedenen Arbeitsplätzen in seiner Werkstatt aufgenommen, kettenrauchend. Auch ist seine 2012 geborene dritte Tochter Lula zu sehen, der er dieses recht private Erinnerungsstück gewidmet hat.

»Während David Lynch seine Lebensgeschichte erzählt, entdecken wir, wie seine Kunst und seine Filme von seinem eigenen Leben, seinen Ideen, Erfahrungen und Empfindungen beeinflusst wurden«, sagt Regisseur Jon Nguyen. Das ist einerseits recht interessant, andererseits aber auch ein wenig monoton inszeniert. Da kann man nur froh sein, wenn man die knapp 90 Minuten wach überstanden hat. Das ist aber auch genauso prägend wie David Lynchs eigener langatmiger Stil, den er derzeit wieder in Twin Peaks zelebriert. Man will unbedingt dran bleiben, mehr erfahren, kommt sich aber dabei so vor, als würde man irgenwo seelenruhig im Park sitzen und fremde Leute beim Taubenfüttern beobachten. Der Dokumentarfilm ist zumindest für Fans seiner Arbeit und Freunde des Surrealen durchaus zu empfehlen. ■ mz

31. August 2017

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