Sonntag, 20. Mai 2018
You are wanted
Lukas muss in Frankfurt ein Paket abliefern. Lena hofft auf seine Hilfe.
© Amazon Studios/Stephan Rabold/Pantaleon Films/Warner Brothers

Lange Zeit wurde die Werbetrommel gerührt, nun ist sie da - die erste von Amazon Studios in Zusammenarbeit mit Matthias Schweighöfers Pantaleon Films GmbH und Warner Brothers produzierte deutsche Serie. Der Trailer trieb die Erwartungen hoch, auch wenn das Thema nicht mehr so ganz neu ist. Vor allem die prominente Besetzung mit Alexandra Maria Lara, Tom Beck und Karoline Herfurth samt Mitregisseur und Produzent Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle sollte die Zuschauer anreizen. Und die Rechnung scheint auch zunächst aufzugehen, denn mit dem erfolgreichsten Serienstart der Plattform Amazon Prime wurde bereits eine zweite Staffel in Auftrag gegeben.

»Kennen Sie zufällig diesen Mann?«

Lukas Franke führt ein glückliches und unbeschwertes Leben in der Mitte der Gesellschaft. Doch als ein Unbekannter seine Daten hackt, Lukas' komplette digitale Identität umschreibt und aus dem jungen, harmlosen Familienvater schließlich einen gejagten Terroristen designt, beginnt sein persönlicher Albtraum. Das Leben von Lukas Franke könnte glücklicher kaum sein: Er hat eine liebevolle Ehe mit Hanna, einen tollen sechsjährigen Sohn, einen gut bezahlten Job als Hotelmanager und ein kleines Haus am Rande von Berlin.

Als eines Tages ein großflächiger Stromausfall die Stadt lahmlegt, ahnt Lukas noch nicht, dass das der Anfang seines persönlichen Albtraums sein wird. In den Tagen darauf geschehen merkwürdige Dinge: Lukas erhält rätselhafte E-Mails, er bekommt Pakete zugeschickt, die er nie bestellt hatte, auf seinem Laptop erscheinen ominöse Botschaften. Als sich auch noch eine angebliche Affäre von ihm bei Hanna meldet und sein Sohn zur Zielscheibe der anonymen Attacken wird, befürchtet er, Opfer eines ernstzunehmenden Hackerangriffs zu sein. Aber warum? Wer steckt dahinter?

Noch bevor Lukas Anzeige erstatten kann, erfährt er zu seiner Überraschung, dass er selbst im Fokus der Ermittlungsbehörden steht: Die leitende Kommissarin Jansen verdächtigt ihn hinter dem Hackerangriff auf das Stromnetz zu stehen. Nicht nur das: In einer Gefährderansprache teilt sie Lukas mit, sie habe glaubhafte Hinweise, dass er Mitglied in einer terroristischen Vereinigung sei und einen Bombenanschlag plane. Noch habe das LKA keine Beweise gegen ihn, aber er sei von nun an unter ständiger Beobachtung.

Während Lukas vergeblich versucht, seine Unschuld zu beweisen, und zunehmend verzweifelt darum bemüht ist, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, meldet sich der Hacker wieder: Sollte Lukas sich bereit erklären, ein (scheinbar harmloses) Paket persönlich nach Frankfurt zu transportieren, hat sein Albtraum ein Ende. Sollte er sich weigern, wird sein Leben endgültig zur Hölle.

Beim Versuch, den Hacker zu finden und gleichzeitig seine Familie zu schützen, trifft Lukas auf die vom selben Hacker bedrohte, aber zunächst schwer durchschaubare Journalistin Lena. Gemeinsam machen sie sich auf die Jagd. Als die Lösung in greifbare Nähe rückt, ändert sich plötzlich alles: Lukas muss sich fragen, wem er überhaupt noch trauen kann...

»One train may hide another.«

Die Serie mit den sechs Episoden gibt es weltweit bei Amazon Prime Video zu sehen und wurde in die Sprachen Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch synchronisiert. Untertitel stehen neben diesen Sprachen in Hindi, Japanisch und Portugiesisch zur Verfügung. Und wer die passenden Geräte zur Hand hat, kann das Ganze auch noch in Dolby Digital 5.1, Ultra HD (4k) und HDR (High Dynamic Range) sehen.

Optisch und technisch wurde die Serie hervorragend umgesetzt. Auch die Handlungsorte wurden sorgfältig aussortiert, um nicht zu abgedroschen oder „abgefilmt“ zu wirken. Auch Herr Schweighöfer selbst steuerte eigene Musik bei, die übrigens auch ganz gut daherkommt. Sein erstes Musikalbum ist erst vor kurzem im Handel erschienen. Allerdings gibt es an der Serie auch einiges herumzumäkeln - allem voran der Hauptdarsteller. Schweighöfer-Hasser werden es schwer haben, dranzubleiben. Auch wenn er sich Mühe gibt, kann er den üblichen „Schweighöfer“ nicht ganz abschütteln, allein vom Äußeren.

Wenn man aber darüber hinwegsehen kann, erwartet einen eine recht spannende Serie im Stil von 24, gemischt mit der Paranoia von Staatsfeind Nr. 1. Immer wieder werden falsche Fährten gelegt und in der Mitte sogar eine Wendung eingeführt, um das Publikum bei der Stange zu halten. Doch (zu) viele (Drehbuch-)Köche verderben den Brei. So bleiben einem zwar explizite Handlungsfolgen, wie man sie oft aus dem Fernsehen kennt, erspart, das dann aber ein wenig zu sehr. Manchmal bekommt man den Eindruck, etwas verpasst zu haben. Warum tut er jetzt dies? Woher kommen die Anschuldigungen? Wie kann das alles passieren?

Hin und wieder erschleichen sich auch Fehler in der Handlungsabfolge ein, wo man sich fragt, ob die Autoren sich nicht richtig abgesprochen haben. Man kann aber auch Dinge hineininterpretieren, damit das Ganze wieder plausibel wird. Insofern wird der mündige, erwachsene Zuschauer quasi zum Mitautor. Manchen wird dies sauer aufstoßen und eventuell zum Ausschalten bewegen, doch bleibt die Handlung relativ nachvollziehbar und spannend.

»Hier bei You are wanted ist es anders«, sagt Edin Hasanovic, der den zwielichtigen BKA-Beamten Thorsten Siebert spielt. »Da war die Prämisse: Matthias wollte immer wieder: „Spielt amerikanischer!“ Das heißt: Erklärt nicht immer sofort alles dem Zuschauer, nicht nochmal und so wiederholen, nicht immer sofort realitätsnah, so „es würde aber in Echt nicht sein“. Das fragst du dich bei Breaking Bad auch nicht. Bei Breaking Bad sagst du nicht „Ah, das glaub ich aber nicht.“ Fuck yeah, das ist voll unterhaltsam, das ist voll geil, also mach ich's. Und da sind wir, glaub' ich, mit You are wanted für den deutschen Markt ein Meilenstein. Ich hoffe, dass wir damit was verändern können - sowohl für den Zuschauer als auch für den Macher vor und hinter der Kamera.«

Und man muss auch nicht alles bis ins kleinste Detail wissen, wie es funktioniert. Der Durchschnittsbürger sieht die ganze Sache wie Lukas Franke mit Verblüffenheit. Fakt ist: Man muss nur wissen, dass so etwas möglich ist, besonders in der heutigen Zeit, wo Datenschutz groß geschrieben wird und Datenklau auf der Tagesordnung steht. Dass die ganze Handlung letztlich zu BND und NSA führt, lässt den Zuschauer auch nicht gerade zufrieden zurück, führt eventuell sogar dazu, die eigenen Sicherheitsprinzipien zu überdenken, besonders was die eigene digitale Identität betrifft.

Wie die Geschichte in der zweiten Staffel fortgeführt wird, wird sich zeigen. Das Ende der sechsten Folge wurde demnach mit genau dieser Option offen gelassen, auch wenn die Handlung der sechs Folgen zunächst abgeschlossen wird. »Am Ende der Serie ist es halt ein ganz anderer Mann, ein ganz anderer Mensch - geprägt, verfolgt...«, sagt Matthias Schweighöfer über seine Figur.

»Ich glaube, ich weiß jetzt, wie du klingst.«

Sicher, einige Figuren bleiben ein wenig klischeebehaftet oder werden nicht genug beleuchtet, wozu dann aber bei einer Fortsetzung noch Zeit bleibt. Auch wird von SEK-Seite immer erst geschossen, selbst wenn die Zielperson unbewaffnet ist. Das könnte an der „terroristischen Gefährdungslage“ liegen, muss aber nicht unbedingt sein. Da sind die Amerikaner mittlerweile oft einen Tick menschlicher geworden. Was noch auffällt: Hannas Freundin/Arbeitskollegin Vero ist mit ihrem französischen Akzent recht schwer zu verstehen, ebenso hin und wieder Sohn Leon (der anfangs noch vermuten lässt, ein Mädchen zu sein) und selbst Frau Lara in diversen leise sprechenden Szenen. Da könnte noch nachgebessert werden.

You are wanted lässt sich jedenfalls nicht pauschal abschreiben. Die Serie ist spannend, rasant und lässt sich in einem Abwasch durchgucken. Man sollte jedenfalls nicht allzu viel Zeit zwischen den Folgen verstreichen lassen, denn sie gehen nahtlos in einander über und besitzen keine Zusammenfassung, wie es derzeit bei sogenannten Bingewatching-Serien der Fall ist. Außerdem sollte mal ein deutsches Wort dafür gefunden werden. Das Bis-zum-Exzess-Serien-in-einem-Abwasch-Gucken kann man auch Extremglotzen oder, in Anlehnung an die alkoholisierte Jugend, Komaglotzen nennen.

Zumindest gehen die sechs Folgen am Stück runter wie Öl. Es gibt nur wenig langatmige Szenen und jede Menge Action. Wovon jedoch noch ein wenig fehlt, ist das Mitfiebern. Matthias Schweighöfer mag zwar der sein, der das Ganze nach vorn gebracht, die Produktion angekurbelt hat und als deutsches Äquivalent zum Energiebündel Tom Cruise gesehen werden kann, doch die Hauptrolle hätte er jemand anderem überlassen sollen. Vielleicht hat er auch mittlerweile zu viel Klamaukfilme gemacht, um das nötige Charisma herüberzubringen.

Wenn man aber dabei die Pionierarbeit betrachtet, die erste deutsche Serie in diesem Format zu sein, muss man Herrn Schweighöfer und Amazon ein Lob für ihren Mut aussprechen, es überhaupt gewagt zu haben. Und trotz der angesprochenen Mängel hebt sich die Serie immerhin vom Rest der deutschen TV-Landschaft ab, die stets nur auf Nummer Sicher gehen will und in ihren Strukturen festgefahren ist. Ich werde die Serie jedenfalls weitergucken und hoffe, dass es jetzt noch mehr interessante Serienformate dort geben wird, vielleicht sogar mal wieder eine SciFi-Serie? ■ mz

23. März 2017

Trailer




You are wanted
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