Sonntag, 17. Dezember 2017
Magical Mystery
oder Die Rückkehr des Karl Schmidt
Karl Schmidt wird von seinen alten Techno-Kumpels Charlie genannt.
© dcm/Gordon Timpen, SMPSP

Wir schreiben das Jahr 1995. Karl Schmidt trifft in Hamburg durch einen Zufall seinen alten Kumpel Raimund wieder. Während Karl am Tag der Maueröffnung einen depressiven Nervenzusammenbruch erlitt und in die Klapse eingeliefert wurde, sind die alten Freunde mittlerweile zu Stars der deutschen Technoszene geworden. Mit ihrem erfolgreichen Plattenlabel „Bumm Bumm Records“ wollen sie eine „Magical Mystery“-Tour durch Deutschland machen, um den Rave der 90er mit dem Hippiegeist der 60er zu versöhnen.

Und genau dafür brauchen sie einen Fahrer, der immer nüchtern bleiben muss. Das kommt Karl, der von seinen Freunden immernoch Charlie genannt wrd, gerade recht, denn der hat keine Lust mehr auf das triste Leben in seiner Therapie-WG. Es beginnt ein abenteuerlicher Ausflug durch das Deutschland der 90er, unternommen von einer Handvoll Technofreaks und betreut von einem psychisch labilen Ex-Künstler. Was kann da schon schiefgehen?

»Ich hab Hunger. Lass uns was essen gehen!«

Der Film kommt zum 50. Geburtstag des legendären „Magical Mytery Tour“-Albums der Beatles in die Kinos, und 20 Jahre nach dem Höhepunkt der Techno-Welle, in der DJs die Stars der Musikszene waren und Pop- und Rockmusik zu eigenen Soundteppichen recycelten. Nächtelang feierten die Deutschen in Hallen und auf Dancefloors, unterstützt von synthetischen Drogen. Gerade die Raves, die sowohl auf der Bühne als auch Backstage exzessiv gezeigt werden, lassen die 90er Jahre wieder aufleben.

Der wunderbar trockene und lakonische Humor, der durch den Film zieht, für den Sven Regener und Arne Feldhusen bekannt sind, wird von den Schauspielern gekonnt umgesetzt. Die Figuren sind keine Gewinnertypen, und doch sind sie charmant, lebensecht und sympathisch, wachsen den Zuschauenden mit ihren individuellen Eigenarten und eingängigen Schlüsselsätzen schnell ans Herz. Und Charly Hübner spielt Karl, aus dessen Perspektive wir die Geschichte und das Lebensgefühl der 90er erzählt bekommen, mit herrlich ausdrucksloser und stoischer Mimik - ein Bär von einem Mann, ruhig, scheinbar unerschütterlich. Doch oftmals gerät Karl in Grenzsituationen, die ihn fast wieder umkippen lassen und die der Regisseur surreal chaotisch in Szene setzt.

Der Film führt in abgeranzte Viertel der Großstädte, in denen die glitzernden Tanzschuppen die Realitätsmüden erwarteten. Für Karl Schmidt ist es ein Trip, um sich aus der Umklammerung der Sozialarbeiter zu lösen, wieder Verantwortung zu lernen und zu einem selbstbestimmten Leben zurückzufinden. Zum Schluss besiegt er sogar seine paranoiden Ängste und fährt mühelos über den Ku'damm. Diesen Prozess, der eher beiläufig geschieht, bringt Charly Hübner mit Körperhaltung und Gesten herüber, was unbestritten zu den Stärken des Films zählt.

»Das Techno-Ding ist total abgefuckt! Wir brauchen was für die Seele. Magical Mystery. Wie bei den Beatles, nur auf Rave!«

Gut, der Film ist jetzt nicht unbedingt ein Muss für Technohasser, doch Arne Feldhusen, bekannt für seine Top-Serien Stromberg, Ladykracher und Der Tatortreiniger, beschwört detailreich die Atmosphäre und Ästhetik jener Jahre und man merkt den Darstellern die Lust am Spielen an. Die Dialoge atmen den lakonischen Humor von Sven Regner. „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“ ist interessanterweise keine unmittelbare, jedoch eine Fortsetzung seines Romans „Herr Lehmann“, der 6 Jahre vorher spielt und in dem Karl Schmidt bereits auftaucht. Im Kinofilm wurde er damals übrigens von Detlev Buck gespielt, der jedoch diesmal die Rolle des Plattenchefs Ferdi übernommen hat.

Bumm Bumm heißt die Plattenfirma, Bumm Bumm macht die Musik, die man zum Teil wiedererkennt und die eine oder andere Erinnerung an die Zeit wieder aufleben lässt. Bumm Bumm macht aber auch das Herz, das der Film besitzt und das ohne Charly Hübner nicht schlagen würde. Neben der Musik gibt es auch noch eine Liebesgeschichte, ein echtes Krokodil, einen falschen Hirsch und zwei Schnurpel namens Lolek & Bolek, die die nach einem soliden Anfang auf Haltestellen-Episoden reduzierte Geschichte auflockern. Zusätzlich bekommt man einen kleinen Eindruck davon, was es heißt, in den 90ern Techno-DJ gewesen zu sein. Auch wenn der Film einige Längen besitzt, so unterhält er doch einigermaßen. Und wer Herr Lehmann kennt, wird auch Karl Schmidt in sein Herz schließen. Und wer mit all dem nix anfangen kann - scheiß der Hund drauf! ■ mz

19. September 2017

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Magical Mystery
Herr Lehmann
Der Tatortreiniger
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Interview mit Arne Feldhusen